natur und bildung

Natur & Bildung

Naturbildung,Ökopädagogik,
Kind und Natur

Entwicklungspsychologischer Exkurs nach Piaget

Jean Piaget war ein Vertreter der kognitiven Entwicklungspsychologie und ging der zentralen Frage nach, wie wir Menschen zu Wissen über die Welt gelangen. Sein Interesse galt im Gegensatz vieler anderer Forscher seiner Zeit qualitativen Aspekten und nicht so sehr quantitativen Aspekten der kindlichen Intelligenz. Der Konstruktivismus in Piagets Lehre ging davon aus, dass das Kind seine Welt, sein Denken und Wissen selbst konstruiert. Für Piaget war es sehr wichtig, dass das Kind aktiv sein und sich der Umwelt anpassen muss.

Obwohl Piagets Lehren heute hinterfragt werden, nimmt er noch immer einen wihtigen Stellpunkt in der Entwicklungspsychologie ein.

Senomotorische Phase (<2 Jahre)

In dieser Phase dominiert das Zusammenspiel von Wahrnehmungseindrücken und motorischer Aktivität. Das Kleinkind verfügt weder über eine Vorstellungskraft, noch über eine rationale Einsicht.

Präoperationale Phase (~ 2 bis ~ 6 Jahre)

In der präoperationalen Phase spielt die Symbolfunktion eine entscheidende Rolle. Für das Kind kann ein Symbol nun für ein Objekt stehen. Es verfügt ferner über eine qualitative Identität. Dies bedeutet, dass die Identität eines Gegenstandes, z.B. Papier, die gleiche bleibt, auch wenn es durch Verformung anders aussieht. Piaget beschreibt die kindliche Art in dieser Phase zu denken in 4 Ansätzen:

  1. Symbolfunktion
    Das Kind kann nun mit Symbolen umgehen. Einerseits kann es nun verschiedene Symbole verstehen, die man bei Ausflügen in die Natur finden kann, etwa Hinweistafeln mit Symbolen, was im Wald erlaubt und was verboten ist. Symbole können andererseits auch für bestimmte Aktionen oder Verhaltensweisen, auch Waldregeln, stehen
  2. Animistisches Denken
    Piagets Meinung, 2 - 6jährige Kinder könnten nicht zwischen belebt und unbelebt unterscheiden, wird kritisiert, allerdings ist die Phantasiewelt der Kleinkinder derart präsent, dass auch dann, wenn sie tatsächlich unterscheiden können, ihnen die Phantasie immer wieder „Streiche“ spielen würde und Belebtes und Nichtbelebtes ineinander übergehen.
    So lassen sich Kleinkinder gut zu Naturbeobachtungen motivieren, wenn man stark an deren Phantasie appelliert. Dadurch bekommen der Wald oder die Wiese einen „märchenhaften Touch“, und auch Steine oder Bäume können erzählen. Das magische Denken von Kleinkindern istderen Art, sich Naturphänomene zu erklären, die naturwissenschaftlich noch nicht gedeutet werden können. Allerdings findet sich diese Art des Denkens auch bei einfachen Menschen, und auch vor der modernen Naturwissenschaft, beginnend mit Kopernikus, Kepler und Galilei, suchten die Menschen magische Antworten als Erklärung für verschiedene Naturphänomene.
  3. Artifizielles Denken
    Für das Kind ist alles von Gott oder vom Menschen gemacht. In der Pädagogik spricht man oft davon, dass das Kind „dort abgeholt werden soll“ wo es „gerade steht“. Das bedeutet für die meisten Kleinkinder, dass es sie interessiert, wo die Tiere, die Bäume und die Wolken herkommen und wer die Blumen auf der Wiese gemacht hat.
  4. Finalistisches Denken
    Das Kind sucht und findet in allen Naturerscheinungen einen Grund, warum es regnet, warum der Himmel blau ist, alles hat für das Kleinkind einen „praktischen“ Hintergrund. Wissen um diese kleinkindliche Form des Denkens kann Eltern, Betreuer/innen und Erzieher/innen helfen, dem Kind die Welt und Naturvorgänge so zu erklären, dass es einen besseren Zugang findet.

Konkret- operationale Phase (~ 6 bis ~ 12 Jahre)

Fehlerhafte Assimilationen der vorangegangenen Phasen können nun bewältigt werden. Die Operationssysteme dieser Phase stellen einen wichtigen Teil der geistigen Werkzeuge des Menschen dar und werden in späteren Phasen nicht ersetzt sondern durch noch komplexere Systeme ergänzt.

Die kindliche Fähigkeit zwischen „belebt“ und „unbelebt“ zu unterscheiden

„Babys sind klüger, als wir denken, Babys können als aller erstes „belebt“ und „unbelebt“ unterscheiden, also alles, was sich von alleine bewegen kann, unterscheiden von Dingen, die sich nicht von alleine bewegen können.“ (Sabina Pauen)

Piaget beobachtete, dass Kinder jene Objekte früher als lebendig ansehen, die ein Bewusstsein haben, oder denen sie ein Bewusstsein zuschreiben, wobei sich „Leben“ und „Bewusstsein“ nicht vollständig decken.

Allerdings werden Pflanzen auch noch von Kindern der letztgenannten Altersgruppe oft als „tote Lebewesen“ bezeichnet und nicht wirklich als Lebewesen erkannt werden. Zu beachten ist jedoch, dass es manchmal sogar noch Erwachsenen „passiert“, dass sie Pflanzen als „nicht lebend“ betrachten.

Berücksichtigt man Piagets Deutung der sensomotorischen Phase, dieTatsache, dass viele Kinder zwischen 6 und 9 Monaten mobil werden und neuere entwicklungspsychologische Erkenntnisse, wonach schon 7 Monate alte Säuglinge zwischen „belebt“ und „unbelebt“ unterscheiden können, so erscheint es sinnvoll, dem Kind erste Naturerfahrungen in diesem jungen Alter zu ermöglichen.
Unterstützt wird diese Vermutung dadurch, das sich in dieser Zeit auch das Urvertrauen herausbildet und das Kind so ein "Urvertrauen zur Natur" entwickln kann.

© Mag.a Silke Geroldinger 2007